Die Weltmeisterschaft der Männer ist das Event schlechthin im Welthandball. Im kommenden Januar werden erneut Menschen aus aller Welt nach Deutschland strömen, um ihre Stars anzufeuern. Nicht nur abseits des Handballfeldes, sondern auch auf der Platte treffen dabei verschiedene Kulturen aufeinander. Die Taktik des Trainers, die Physis und Athletik der Spieler und das Werteverständnis innerhalb des Teams prägen maßgeblich die Spielweise und Kultur der Mannschaften. Insbesondere in der Gruppe H der Handball-Weltmeisterschaft 2027 treffen sehr unterschiedliche Ansätze aufeinander:
Körperlichkeit trifft auf Schnelligkeit
Aktuell lässt sich im Handball ein taktischer Wandel beobachten. Viele Teams setzen vermehrt auf kleine, schnelle Spieler. Vor 20 Jahren war dies anders: Die Teams setzten auf kräftige, großgewachsene Spieler, die für einfache Tore aus dem Rückraum sorgen oder ihre körperliche Überlegenheit am Kreis ausspielen sollten. Einer der besten Rückraumspieler dieser Epoche war Kiril Lazarov, der nun Trainer der nordmazedonischen Nationalmannschaft ist. Lazarovs Spielidee als Trainer steht für genau jenen klassischen Ansatz. Das zeigt bereits der Blick auf den Kader der EHF EURO 2026: Die Durchschnittsgröße des Teams betrug 191,8 cm - damit zählten die Nordmazedonier zu den größten Teams im Turnier. Doch das Team besticht nicht nur durch seine Größe, sondern auch durch Masse. Die Kreisläufer Žarko Peševski, Mihail Alarov und Marko Sotjkovikj bringen alle mindestens 110 Kilogramm auf die Waage; sie sind entsprechend schwer zu halten am Kreis. Alle drei passen perfekt in Lazarovs System. Der entschiedene Akteur ist jedoch ein anderer: Filip Kuzmanovski ist der Anführer des Teams. Der 1,98 Meter große Spielmacher ist Lazarovs verlängerter Arm auf dem Feld. Er hat seine Spielidee komplett verinnerlicht, setzt immer wieder Akzente durch Tore aus der zweiten Reihe oder kluge Anspiele an den Kreis. Auf diese Qualitäten wird das Team auch im Januar 2027 setzen.

Einen konträren Ansatz verfolgen die Japaner. Das Team zählte bei der WM 2025 zu den kleinsten, was die Körpergröße betrifft. Lediglich 184,2 Zentimeter waren die Spieler im Mittel groß. Trainer Toni Gerona setzt daher auf die Schnelligkeit seiner Spieler. Die Japaner sind flink, besitzen ein gutes Eins-gegen-Eins und ein schnelles Umschaltspiel. Der Erfolg auf der größten Bühne blieb ihnen in den vergangenen Jahren allerdings verwehrt. Zuletzt gelang 2021 der Sprung in die Hauptrunde einer Handball-Weltmeisterschaft. Am Ende reichte es jedoch nur für den 19. Platz. Deutlich erfolgreicher war das Team in der Vergangenheit bei den Asienmeisterschaften. 2024 und 2026 erreichte die Mannschaft das Halbfinale. 2024 gelang der Finaleinzug durch einen Sieg gegen Bahrain, wo das Team im Finale den Katarern unterlag. Zwei Jahre später revanchierte sich Bahrain im Halbfinale. Für die Japaner blieb am Ende nur der undankbare vierte Platz. Im Januar 2027 bei der Handball-Weltmeisterschaft wollen sich nun die Japaner erneut beweisen: in der Vorrunde trifft das Team abermals auf Bahrain. Mit einem Sieg dürfte man sich in der Vorrunde vor dem Dauerrivalen platzieren.
Dies wird die Mannschaft von Trainer Robert Hedin unbedingt verhindern wollen. Der Schwede hat im Mai 2025 das Traineramt der Nationalmannschaft Bahrains übernommen. Zuvor war der ehemalige schwedische Nationalspieler bei diversen Vereinen rund um die Welt tätig:
- Schweiz
- Schweden
- Norwegen
- Österreich
- Deutschland
- Dänemark
- USA
Bahrain
Hedin hat in seiner langjährigen Karriere zahlreiche Handball-Kulturen kennengelernt, bringt diese Einflüsse nun im bahrainischen Team ein.
Dieses Team war mit einer Durchschnittsgröße von 182,6 Zentimetern das kleinste der vergangen Weltmeisterschaft. Das Team vertraute daher auf seine Schnelligkeit. Nach einem schwachen Turnier stand lediglich der 29. Platz zu Buche. Hedin und sein Trainerteam mussten sich folglich etwas einfallen lassen, um auch gegen körperliche überlegene Teams zu bestehen. Dies gelang bravourös: Im Januar 2026 entthronte das Team Katar bei den Asienmeisterschaften und sicherte sich erstmal die Goldmedaille. Dieser Titel könnte nun entscheidenden Rückenwind für die Duelle in der Gruppe H geben.
Mit ordentlich Rückenwind werden auch die Isländer nach Magdeburg reisen. Bei der EHF EURO 2026 gelang der Mannschaft von Trainer Snorri Steinn Guðjónsson erstmals seit 16 Jahren wieder der Sprung unter die letzten vier Teams bei einer internationalen Meisterschaft. Das Besondere an der Spielweise der Isländer: Sie vereinen sowohl den klassischen, körperlich betonten als auch modernen, dynamischeren Ansatz. Mit Gísli Kristjánsson und Ómar Ingi Magnússon besitzen sie zwei Zweikampfspezialisten, die nur schwer zu stoppen sind. Über zwei Meter groß sind Kreisläufer Arnar Freyr Arnarsson und Rückraumspieler Leó Gunnarsson. Trainer Guðjónsson kann zwischen beiden Ansätzen wechseln, er stellt den Gegner so immer wieder vor neue Herausforderungen. Neben der taktischen Variabilität verfügen die Isländer auch über eine hohe individuelle Qualität. Zahlreiche Spieler stehen bei Topteams in Europa unter Vertrag. Kristjánsson, Magnússon und Elvar Örn Jónsson spielen sogar für den SC Magdeburg, der sich in der vergangenen Saison die deutsche Meisterschaft sicherte. Für sie werden die Vorrundenspiele Heimspielcharakter haben. Aufgrund der hohen individuellen Qualität und der taktischen Variabilität zählen die Isländer gar zu den Favoriten auf die Teilnahme am Final-Wochenende in Köln vom 29. bis zum 31. Januar. Auf dem Weg dahin müssen sie zunächst die drei Konkurrenten in der Gruppe H hinter sich lassen.

Erneutes K.-o.-Spiel zwischen Bahrain und Japan?
Zu Beginn wartet auf die Isländer das Team aus Bahrain. Am Freitag, den 15. Januar, werden sich beide Teams um 20:30 Uhr gegenüberstehen. Vorher wird die Gruppe um 18:00 Uhr von Nordmazedonien und Japan eröffnet. Hier gibt es einen ersten Fingerzeig im Duell “Schnelligkeit versus Körperlichkeit”.
Eine endgültige Antwort könnte es zwei Tage später geben. Die Nordmazedonier wollen um 18:00 Uhr ihre körperliche Überlegenheit gegen das flinke Team aus Bahrain ausspielen. Um 20:30 Uhr schließen Island und Japan den zweiten Spieltag ab.
Am 19. Januar folgt der dritte und womöglich entscheidende Spieltag. Um 18:00 Uhr stehen sich Japan und Bahrain gegenüber. Sollten beide Teams an den ersten beiden Spieltagen als Verlierer vom Feld gehen, stünde das nächste entscheidende Spiel an. In einem wahren K.-o.-Spiel würde die Teams den Einzug in die Hauptrunde ausspielen. Bei einer solchen Konstellation wäre auch das anschließende Spiel um 20:30 Uhr zwischen Island und Nordmazedonien ein Entscheidungsspiel. Beide Teams wären zwar bereits für die Hauptrunde qualifiziert, müssten jedoch noch den Gruppensieg ausspielen. Den gesamten Spielplan gibt es hier in der Übersicht.
GETEC Arena- Heimat des Deutschen Meisters
Neben den Taktiken der Teams verspricht auch der Spielplan zur Freude der Fans viel Spannung. Auf diese könnten die Spieler wohl verzichten - sie wird hingegen der Austragungsort der Spiele freuen. Genau wie die Spiele der Gruppe F werden auch die Partien der Gruppe H in der GETEC Arena in Magdeburg ausgetragen.

Die Arena ist Heimspielstätte des SC Magdeburg. Der Verein zählt zu den traditionsreichsten und erfolgreichsten Teams in Deutschland. Die Titelsammlung untermauert dies:
- 11x DDR-Meister
- 4x DDR-Pokalsieger
- 4x Deutscher Meister
- 3x DHB-Pokal-Sieger
- 3x Champions League-Sieger
- 2x Europapokal der Landesmeister-Sieger
- 3x EHF-Pokal-Sieger
- 3x IHF Super Globe-Sieger
Für viele Spieler ist es bereits ein Traum, einmal in der Heimspielstätte eines der erfolgreichsten Teams der Welt aufzulaufen. Für die Spieler aus Nordmazedonien, Island, Bahrain und Japan wird er sich 2027 erfüllen. Ein noch größerer Traum ist es, dort ein Spiel zu gewinnen. Wer dies sein wird, entscheidet am Ende des Tages auch die taktische Herangehensweise der Teams.
Fotos: Kenny Beele/Uros Hocevar/Marco Wolf/ Sascha Klahn