Hallenhandball
Vom Feldhandball bis zu gekauften Fans- Eine Reise durch die Geschichte der Handball-Weltmeisterschaft

Am 13. Januar 2027 ist es wieder so weit: Die IHF Men’s Handball World Championship in Deutschland startet. Es ist bereits die 30. Auflage einer Handball-Weltmeisterschaft in der Halle. Höchste Zeit für einen Blick zurück in die Vergangenheit des Turniers. Wie fing alles an? Was hat sich im Laufe der Jahre geändert? Welche kuriosen Geschichten sind bis heute unvergessen geblieben?

 

Aller Anfang ist schwer

 

Der 5. Februar 1938 ist ein historischer Tag. Er wird in die Geschichtsbücher des Handballs eingehen. An jenem Samstag findet in Berlin das erste Spiel einer Handball-Weltmeisterschaft statt. Vier Mannschaften nehmen am von der Internationalen Amateur Handball Federation (IAHF) ausgerichteten Turnier teil.

 

  • Dänemark
  • Deutschland
  • Schweden
  • Österreich

     

Im Modus Jeder-gegen-Jeden ermitteln die vier Nationen den Weltmeister. Am Ende steht die deutsche Mannschaft ganz oben auf dem Treppchen.  

Rund fünf Monate später findet erneut die erste Handball-Weltmeisterschaft statt. Das Turnier wird ebenfalls von der IAHF ausgerichtet. Gastgeber ist erneut Deutschland. Der entscheidende Unterschied ist die Spielfläche. Beim Turnier vom 7. bis zum 10. Juli 1938 wird auf dem Rasen gespielt. Einen weiteren wesentlichen Unterschied stellt außerdem die Anzahl der Spieler dar. Beim Feldhandball wird Elf-gegen-Elf gespielt, in der Halle Sieben-gegen-Sieben. Im Finale des Turniers setzt sich, wie schon in der Halle, die deutsche Mannschaft vor 30.000 Zuschauern gegen die Schweiz durch.

Doch beide Turniere sind vorerst die erste und einzige Ausgabe einer Handball-Weltmeisterschaft. In Deutschland sind die Nationalsozialisten seit einigen Jahren an der Macht. Sie werden 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg beginnen. Aufgrund des Krieges und der dadurch entstehenden Zerstörung wird bis auf Weiteres keine Weltmeisterschaft ausgetragen.

 

Feldhandball: Sieben Weltmeisterschaften- drei Titelträger

 

1948 fängt der Ball wieder an, durch die Lüfte zu fliegen. Der neugegründete Weltverband IHF richtet die zweite Feldhandball-Weltmeisterschaft aus. Am Ende können die Schweden das im K.-o.-System ausgetragene Turnier gewinnen. Es wird ihr einziger Titel auf dem Rasen bleiben. Die fünf darauffolgenden Weltmeisterschaften gewinnt immer eine deutsche Mannschaft:  

 

  • 1952- Bundesrepublik Deutschland
  • 1955- Bundesrepublik Deutschland
  • 1959- gemeinsame Mannschaft der DDR und Bundesrepublik Deutschland
  • 1963- DDR
  • 1966- Bundesrepublik Deutschland  

     

Der Titelgewinn deutscher Mannschaften ist jedoch die einzige Konstante bei Feldhandball-Weltmeisterschaften. Bereits die oben aufgeführten Jahreszahlen verdeutlichen die unregelmäßige Taktung des Turniers. Zwischen einigen Austragungen liegen drei Jahre, zwischen anderen wiederum vier.  

Eine ähnliche Inkonsistenz spiegeln auch die verschiedenen Turniermodi wider. Bei nahezu jeder Weltmeisterschaft wechselt der Modus. Jeder-gegen-Jeden, Vorrunde, Hauptrunde & K.-o.-System- alle Turnierformen waren bei den sieben Austragungen vertreten. Die bereits im Feldhandball auftretenden Abweichungen der jährlichen Taktung und der zu spielenden Turnierform werden die Handball-Weltmeisterschaften noch lange begleiten.  

 

Anderer Untergrund- gleiche Probleme

 

Lange Zeit mussten sich die Fans des Hallenhandballs gedulden. Nach 16 Jahren war es endlich so weit. Sechs Nationen ermittelten 1954 den neuen Weltmeister. Bereits damals waren die späteren Top-Nationen aus Dänemark, Frankreich und Schweden dabei. Die Blau-Gelben krönten sich, wie schon beim Feldhandball, zum ersten Weltmeister der Nachkriegszeit.

In den folgenden Jahren gewann der Hallenhandball immer mehr an Popularität. Parallel zum Feldhandball richtete die IHF fortan auch in der Halle eine Weltmeisterschaft aus. Gleichzeitig starb der Feldhandball aus. Die Weltmeisterschaft 1966 war die letzte auf dem Rasen. Die IHF konnte sich von nun an auf die Austragungen in der Halle konzentrieren.  

Die Probleme blieben allerdings dieseleben:  Es gab auch in der Halle keine festgelegte jährliche Taktung. Bis 1993 wurde das größte Turnier der Nationalmannschaften entweder alle drei oder vier Jahre ausgetragen. Aufgrund der erstmaligen Ausrichtung einer Europameisterschaft 1994 entwickelten IHF und EHF fortan einen gemeinsamen Rhythmus beider Turniere. Jedes Jahr findet im Wechsel eines der beiden Turniere statt. Dieser Rhythmus hat bis heute Bestand.

 

Immer mehr Teams, aber kein fester Modus

 

Neben der Frage nach der Taktung stellte sich im Laufe der Zeit vor allem die Frage nach dem Turniermodus. Insbesondere die älteren Fans dürften mittlerweile eine Vielzahl an Austragungsformen einer Handball-Weltmeisterschaft kennen. Der Turniermodus wurde von der IHF über die Jahre immer wieder angepasst. Ein ausschlaggebender Grund ist die Anpassung der Teilnehmeranzahl. Diese wurde seit 1964 stetig erweitert. Aus ursprünglich zwölf Teams wurden zunächst 16. 1995 wurde die Anzahl der Teams auf 24 erweitert. Seit 2021 nehmen sogar 32 Mannschaften an der Handball-Weltmeisterschaft teil.

In der Nachkriegszeit begrenzte sich der Modus auf Vor-, Haupt- und Finalrunde. Bei den Austragungen 1958 und 1961 starteten die Teams zunächst in einer Vorrunde. Die beiden besten Teams jeder Gruppe qualifizierten sich für die Hauptrunde. Im Anschluss spielten die Teams mit der gleichen Hauptrunden-Platzierung in der Finalrunde gegeneinander.  

Bei den nächsten beiden Weltmeisterschaften 1967 und 1970 verzichtete die IHF auf die Austragung der Hauptrunde. Stattdessen spielten die Teams nach der Vorrunde im K.-o.-System beginnend ab dem Viertelfinale den Sieger aus. Eine weitere Neuerung war die Austragung von Platzierungsspielen. Die drittplatzierten der Vorrundengruppen durften ihre Abschlussplatzierung nun ebenfalls ausspielen.  

Nach nur zwei Turnieren mit dem K.-o.-System kehrte die IHF 1974 wieder zur Hauptrunde zurück. Diesem Turniermodus blieb der Weltverband bis 1995 treu. Bei den folgenden Turnieren bis einschließlich 2001 wurde die Hauptrunde erneut durch ein K.-o.-System ersetzt. Dieses Mal qualifizierten sich die Teams nach der Vorrunde fürs Achtelfinale. Dieses gab es 1967 und 1970 noch nicht. Damals waren weniger Teams dabei gewesen. Im Anschluss an die Vorrunde folgte das Viertelfinale.

Nach 2001 entwickelte die IHF eine Turnierform die sowohl Hauptrunde als auch K.-o.- System enthält. Über die Jahre variierten dabei die Anzahl der Gruppen, die Anzahl der Teams in der Hauptrunde sowie der Beginn der K.-o.-Runde. Eine weitere Neuerung gab es 2007: der President’s Cup. Er bezeichnet die Platzierungsspiele für die in der Vorrunde ausgeschiedenen Teams. Seit seiner Einführung werden alle Platzierungen bei Weltmeisterschaften ausgespielt.

Seit 2021 wird die Handball-Weltmeisterschaft mit 32 Teams ausgetragen. Die Teams spielen in acht Gruppen mit jeweils vier Teams. Die drei besten Teams jeder Gruppe qualifizieren sich für die Hauptrunde. Die Gruppenletzten spielen im President’s Cup die Plätze 25 bis 32 aus.  Die Hauptrunde wird in vier Gruppen mit jeweils sechs Mannschaften ausgetragen. Die beiden bestplatzierten Teams jeder Hauptrundengruppe qualifizieren sich für die K.-o.-Phase. Sie beginnt mit dem Viertelfinale.

Eine Übersicht des gesamten Spielplans der IHF Men’s Handball World Championship 2027 gibt es hier.  

 

Aus Europa in die Welt

 

Die IHF Men’s Handball World Championship 2027 in Deutschland wird bereits die 30. Auflage des Turniers sein. Bei der ersten Austragung 1938 ermittelten lediglich vier Teams den Weltmeister, 2027 werden es 32 sein. Rund die Hälfte der teilnehmenden Teams ist auf dem europäischen Kontinent beheimatet. Sie werden am Ende vermutlich- wie so oft in der Vergangenheit- den Sieger unter sich ausmachen. Noch nie konnte eine nicht-europäische Mannschaft den Titelgewinn bei einer Handball-Weltmeisterschaft feiern.  

Ein Blick auf den bisherigen Medaillenspiegel der Hallen-Weltmeisterschaften verdeutlicht die Dominanz europäischer Teams. Frankreich führt das Tableau mit einer beeindruckenden Bilanz an:  

 

  • 25 Teilnahmen
  • 13 Medaillen
  • Sechs Goldmedaillen
  • Zwei Silbermedaillen
  • Fünf Bronzemedaille

     

Dahinter folgen die Teams aus Schweden, Dänemark und Rumänien. Die Erfolge der Rumänen entstammen aus den 1960er und 70er Jahren. Sie dominierten zu dieser Zeit den internationalen Handball. Die einzige nicht-europäische Mannschaft im Ranking ist Katar. Sie konnten 2015 im eigenen Land die Silbermedaille gewinnen.  

Die Fokussierung des Welthandballs auf Europa wird auch beim Blick auf die bisherigen Gastgeber der Weltmeisterschaften in der Halle deutlich: 30 ausgetragene Weltmeisterschaften, 16 verschiedene Ausrichter, nur fünf Austragungen außerhalb Europas. Die Veranstaltung der Handball-Weltmeisterschaft 1997 in Japan war die erste Austragung auf asiatischem Boden. Zwei Jahre später folgte in Ägypten die erste Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden. Das Kuriose an beiden Turnieren: Es sind bis heute die einzigen Turniere, die im Sommer ausgetragen wurden. 2005 in Tunesien, 2015 in Katar und 2021 in Ägypten ergänzen die Liste der Austragungen auf nicht-europäischem Boden.  

Rekordausrichter einer Handball-Weltmeisterschaft ist Deutschland. 2027 wird die achte Auflage auf deutschem Boden sein. Eine Ausrichtung in Deutschland stellt dabei ein Novum in der Geschichte der Handball-Weltmeisterschaft dar. Die Weltmeisterschaft 2019 in Deutschland und Dänemark wurde erstmals von zwei Länder gemeinsam veranstaltet. Dieses Prozedere hat sich 2023 und 2025 wiederholt. Die Turniere 2029 und 2031 werden ebenfalls von mehreren Ländern gemeinsam ausgerichtet: 2029 sind Frankreich und erneut Deutschland Gastgeber. 2031 werden Island, Norwegen und Dänemark die WM ausrichten.  

 

Handball-WM: Schaulaufen der Superstars

 

Mathias Gidsel, Felix Claar, Francisco Costa oder Andreas Wolff sind die Stars ihrer Generation. Fans strömen für die Superstars des Sports in die Hallen. Sie wollen sie live sehen, vielleicht ein Autogramm oder Selfie ergattern. Die Handball-Weltmeisterschaft ist die perfekte Gelegenheit dafür. Nahezu alle Superstars des Sports kämpfen beim größten internationalen Turnier um den Titel. 

Fast genauso gespannt wie auf den Titelkampf blicken viele Fans inzwischen auch auf die Wahl des MVPs und des All-Star Teams. Seit 1990 zeichnet die IHF den besten Spieler des Turniers aus. Der erste MVP eine Weltmeisterschaft war kein geringerer als Jackson Richardson. 1993 führt die IHF auch die Wahl des All-Star Team ein. Die besten Spieler auf ihrer Position werden auf diese Weise für ihre Leistung im Laufe des Turniers geehrt.  

Zahlreiche Welthandballer standen im All-Star Team einer Weltmeisterschaft. Einem Superstar seiner Zeit blieb dies jedoch verwehrt: Daniel Stephan. Doch es kommt noch härter für den Welthandballer von 1998. Aufgrund zahlreicher Verletzungen bestritt Stephan nie ein Spiel bei einer Weltmeisterschaft. Er ist damit bis heute der einzige Welthandballer ohne Einsatz bei einer Weltmeisterschaft.  

Logischerweise fehlte Stephan damit auch im Kader der Weltmeisterschaft 2007. Die deutsche Mannschaft konnte im eigenen Land den Titel gewinnen. In der Folge entstand eines der kuriosesten Fotos der Geschichte der Handball-WM. Nach dem Sieg im Finale über Polen klebten sich die deutschen Spieler für die Siegerehrung einen Schnauzer aus Pappe ins Gesicht. Der Schnauzbart ist das Markenzeichen des deutschen Trainers Heiner Brand. Eine unvergessene Hommage an den Erfolgstrainer.

 

Katar verändert den Handball

 

Unvergessen ist auch die Handball-WM 2015 in Katar. Die Gastgeber feiern bei dem Turnier ihren größten Erfolg: der Gewinn der Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft. Erst im Finale unterlag die Mannschaft von Trainer Valero Rivera Frankreich mit 22:25. Doch die prägenden Spieler im Team der Kataris sind gar nicht in dem Land geboren worden, für das sie spielen: Der Rückraumlinke Rafael Capote ist Kubaner, Torhüter Danijel Saric wurde in Jugoslawien geboren, der Topscorer des Teams Zarko Markovic kommt ursprünglich aus Montenegro. All diese Spieler wurden vor dem Turnier eingebürgert. Die Strategie ist umstritten; hat sich dennoch bezahlt gemacht.  

Es wird aber noch kurioser: Auch die Fans der katarischen Mannschaft stammen aus dem Ausland. Zahlreiche Südeuropäer trommelten zunächst für Katar, feuerten am nächsten Tag aber ihr Heimatland an. Sie gaben später an, für die Unterstützung des Gastgebers bezahlt worden zu sein.  

Geld und Glamour scheinen den Kataris sehr wichtig zu sein. Sie ließen dafür sogar eine neue Trophäe vor dem Turnier anfertigen. Lange Zeit war der WM-Pokal ein Arm in Wurf-Pose. Dies war dem Gastgeber nicht glamourös genug. Sie gaben die Anfertigung des heutigen Pokals in Auftrag.  

Um jenen WM-Pokal gibt es eine weitere außergewöhnliche Geschichte. 2017 wurde die Trophäe von Sportlern auf den Mont Blanc getragen, um für die Handball-WM in Frankreich zu werben. Mit dabei war auch der ehemalige Nationalspieler Guillaume­ Gille, der den Pokal vor der Bergkulisse in den Himmel reckte.

 

Mehr Infos zur Weltmeisterschaft 2027 in Deutschland: